Ältestes Haus in der Altstadt Volkmarsens

700 Jahre Stadtgeschichte in die Neuzeit gerettet

Raum für Handwerksseminare

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Text: Elmar Schulten (WLZ)


Es ist wahrscheinlich das älteste Haus in Volkmarsen, stammt aus der Zeit, in der auch die Marienkirche gebaut wurde, hat den großen Stadtbrand überstanden und wurde wiederentdeckt beim Abriss des Vorderhauses im Rahmen der Stadtsanierung.

Das alte Sandsteinhaus in der Pfortenstraße hat einen neuen Eigentümer gefunden, der seinen in Jahrhunderten gewachsenen Wert zu schätzen weiß und seit Jahren viele Stunden, viele Ideen und noch mehr Geld investiert, um das Haus wieder zu dem zu machen, was es ist: ein Schmuckstück in der historischen Altstadt von Volkmarsen.

Im September, zum Tag des offenen Denkmals, will Jochen Siebert das alte Steinhaus zum ersten Mal öffentlich präsentieren. Danach soll es als Seminarhaus für Fortbildungen in Sachen Fachwerksanierung, Lehmbau und anderen (Kunst-) Handwerken genutzt werden. Der 39-jährige Stuckateurmeister ist vom Fach. Als sein Vater ein altes Fachwerkhaus in Hannoversch Münden kaufte, die Balken nummerieren ließ und Stück für Stück abtrug, um sie in Ehringen wieder aufzubauen, kam Jochen Siebert auf den Geschmack, informierte sich über Lehmbauten, absolvierte zahlreiche Fortbildungen und spezialisierte sich schließlich auf Lehmbau und Restaurierung alter Gebäude.

Ein Anliegen von ihm und seinen Mitarbeitern ist es, Häuser so zu sanieren, dass es den Häusern und den in ihnen wohnenden Menschen gut tut. Außerdem betreut er Hauseigentümer, die ihre denkmalgeschützten Häuser in Eigenleistung restaurieren und handelt mit Lehmbaustoffen.

In seiner Freizeit und während der vergleichsweise ruhigen Wintermonate steckten er und seine Familie ungezählte Stunden in das Steinhaus in der Pfortenstraße. Der Keller wurde frei und trocken gelegt. Dabei kam unter anderem ein alter Brunnen zutage, wahrscheinlich der erste Stadtbrunnen, der künftig angemessen präsentiert werden soll. Auf Drängen der Denkmalpflege wurde auch die Baulücke geschlossen, die der Abriss des Vorderhauses in der Straßenfront der Pfortenstraße geschaffen hatte.

Für den Laien auf den ersten Blick unverständlich sind die beiden eher schmucklosen Turmbauten zu beiden Seiten des Grundstücks. Aus Sicht der Denkmalpflege sollen Alt und Neu deutlich erkennbar sein. Historisierende Nachbauten sind nicht gewünscht. So tritt der Kontrast zwischen alter und neuer Bauweise deutlich zutage.

In den Turmhäusern sind lediglich Toiletten und ein einziges kleines Zimmer untergebracht, in dem ein künftiger Seminarleiter nächtigen könnte. Ansonsten dienen die Vorbauten lediglich dem optischen Lückenschluss an der Straßenfront.

Umso deutlicher rückt das alte Steinhaus in den Blick des Betrachters. Das zweigeschossige Gebäude mit Keller wurde wahrscheinlich um das Jahr 1350 aus Buntsandstein als Speicher für Getreide und Zufluchtsstätte für Adelige errichtet.

Der Baustoff Stein galt als wertvoll und wurde hier aus Brandschutzgründen verwendet. So konnte dieses Gebäude den großen Stadtbrand von 1668 überstehen. Davon zeugen Rußspuren.

Im Keller sticht das handwerklich aufwendig gearbeitete Kreuzgratgewölbe ins Auge, das im Zentrum des Raumes auf einer Säule mit Kapitel und Kämpferplatte ruht. Der Kellerraum war gut einen halben Meter hoch mit Erde gefüllt, den Siebert herausschaufeln ließ.

In den darüber liegenden Stockwerken setzt sich die Ein-Ständer-Bauweise fort: Mitten in den Räumen befinden sich Pfeiler, die die gesamte Last nach unten ableiten.

Die Sandsteinwände sind stellenweise meterdick, die Fenster entsprechend klein. So ist das Gebäude im Sommer und im Winter stets fast gleichbleibend temperiert. Zur Beleuchtung des Innenraumes hat Siebert im hölzernen Dachgiebel große Fenster eingezogen, durch das Tageslicht ins Innere dringt.

An dem "feuersicheren Tresor" ,in dem einst Korn, Handelswaren und andere kostbare Sachen gelagert wurden, sind deutliche Spuren der Zeit zu erkennen.

An der Rückseite des Speichers finden sich tiefe Rillen von unterschiedlicher Form und Größe in den Sandsteinen, die darauf hindeuten, dass Gegenstände wie Messer oder Sensen an den Steinen geschliffen wurden. Diese Spuren stammen wahrscheinlich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Gebäude als Stall für Kühe, Pferde und Hühner genutzt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.

In einem Haus, das so viel Geschichte atmet und so viel Atmosphäre hat, lässt es sich sicher gut lernen: Die Öffentlichkeit darf gespannt sein auf den 13. September, den Tag des offenen Denkmals.