Schicht auf Schicht: An den Innenwänden der alten Scheune in Elbenberg lassen sich gut die einzelnen Schichten des Stampflehms erkennen. Ein solches Bauwerk zu erhalten, und dazu trägt auch der Außenputz bei, der die Erosion des Lehms durch Regen bremst, liegt Meister Jochen Siebert am Herzen. © Norbert Müller

Baustelle in Frauenhand

Donnerstag war Girls’ Day, also der Tag, an dem sich Mädchen mal mit Jobs beschäftigen können, die überwiegend von Männern besetzt sind. An der Baustelle war Siebert allerdings der einzige Mann. Zwei seiner Gesellinnen waren mit am Start, eine Praktikantin, die im August eine Ausbildung zur Stuckateurin in Sieberts Betrieb beginnen wird, und zwei Schülerinnen der Christian-Rauch-Schule aus Bad Arolsen. Die Baustelle war eindeutig in Frauenhand, Siebert blieb die Aufgabe, den beiden zehnjährigen Schülerinnen – Nele Landau aus Mengeringhausen und Jette Michels aus Ehringen – etwas über das Besondere von Lehm und der kleinen Scheune zu erzählen. Für das Handwerkliche, scherzten seine Mitarbeiterinnen, brauche man den Chef heute nun wirklich nicht.

Ungefährliches Material

Lehm sei zudem ein vollkommen ungefährliches Material, mit dem man Kinder unbedenklich Arbeiten lassen könne. Nach einer kurzen Einweisung durch die Gesellinnen Sabrina Wölk aus Ippinghausen und Janine Wiggert, Jettes Tante, die auch den Kontakt zu Siebert vermittelte, durften die beiden Mädchen dann auch praktisch ran. Das Putzen, den weichen Lehm mit der Kelle auf die Wand aufziehen, nachdem der Untergrund mit Wasser angefeuchtet worden war, sagen beide am Ende des Arbeitstages, habe ihnen am meisten Spaß gemacht. Auch wenn es zunächst schwieriger als gedacht gewesen sei.

„Jette und ich wollten auf jeden Fall etwas Handwerkliches machen“, sagt Nele zu den Überlegungen zum Girls’ Day. Und bei der Firma Siebert habe es genau gepasst. Das Arbeiten mit dem alten Baustoff an der Scheune hat bei den beiden Zehnjährigen auch ganz im Sinne des Tages etwas bewirkt, nämlich den Horizont für weitere Berufe zu öffnen. Eigentlich wolle sie ja später mal Tierärztin werden, sagt Jette, „aber jetzt macht mir das hier gerade richtig viel Spaß.“

Einmal im Jahr ist seit 2001 Girls’ Day, der Mädchen-Zukunftstag. Dann können Mädchen in Berufsbereiche hineinschnuppern und auch mitarbeiten, in denen der Männeranteil groß ist. In Elbenberg versuchten zwei Mädchen eine alte Handwerkstechnik aus.

Elbenberg – Na, das passte: Der Ehringer Meister und Restaurator im Stuckateurhandwerk Jochen Siebert hatte sich für den Donnerstag vorgenommen, seine kleine, gut 300 Jahre alte historische Scheune in der Ortslage von Elbenberg, ganz in der Nähe des Buttlarschen Schlosses, von außen etwas aufzuhübschen. Genauer: Die Fassade zur Gasse hin sollte einen neuen Lehmputz bekommen. Den Tag hatte er durchaus mit Bedacht gewählt.

 

Hahn im Korb: Stuckateur-Meister Jochen Siebert beim Besuch der Baustelle in Elbenberg. Das Verputzen der Außenwand erledigten Lilly Wiemers und Janine Wiggert (hinten) sowie Sabrina Wölk (rechts) mit Unterstützung der beiden Schülerinnen Nele Landau (am Eingang) und Jette Michels. © Norbert Müller

Und so erfuhren die beiden Mädchen ganz nebenbei, dass die Scheune wohl die älteste Stampflehmscheune im Landkreis Kassel sei, also ein Gebäude, dessen Wände entstanden, indem man eine Bretterschalung baute und dort eine flache Lage Lehm nach der anderen einstampfte und trocknen ließ, bis man hoch genug war, um den Dachstuhl zu montieren.

Etwas Wertvolles geschaffen

Bis zur tatsächlichen Berufsentscheidung haben die beiden Mädchen ja noch Jahre Zeit, da könne sich noch viel ändern, weiß auch Jochen Siebert. Der Girls’ Day sei aber dennoch von besonderer Bedeutung, auch für einen Betrieb wie seinen. Gut die Hälfte der 14 Mitarbeiter habe er selbst ausgebildet. „Ich finde es ganz wichtig, Kinder und Jugendliche früh an handwerkliche Dinge heranzuführen. Nur so können wir das Handwerk nach vorn bringen.“ Klar, sagt Siebert, „es bleibt dreckig, es bleibt schwer. Aber die Mädchen haben heute eine Wand verputzt. Da können sie mit ihren Eltern hin und zeigen: Da haben wir was von Wert geschaffen, etwas, was bleibt.“ (Norbert Müller)